Meine Gedanken zum Jubiläum

„Bühnenwirt werde ich in einer Form auch immer bleiben“

Wie vermittelt man in ein paar Sätzen über 20 Jahre die Geschichte Bühnenwirtshaus Juster“, die zugleich ein Stück Geschichte der Bühnenwirtshäuser Niederösterreich ist? Vor uns hat es ja die Bezeichnung „Bühnenwirtshaus“ nicht gegeben. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als mein Betriebsberater Mag. Harald Neiber Anfang 1994 mir diesen Begriff das erste Mal vorstellte. Ein qualitativ hochwertiger Wirtshausbetrieb sollte das sein, mit einer genauso hochwertig bespielten Bühne. Bühne, das hat für mich nach Hochkultur, Theater, schön anziehen, Eintauchen in eine andere, mir eher fremde Welt geklungen. Der Raum war zwar vorhanden, vom Handwerk des Veranstalters und Bühnentechnikers hatte ich aber keine Ahnung, und die Bühnenausstattung wurde gerade erst im Saal des Landgasthauses  meiner Eltern gebaut. Meine erste Reaktion damals war logischerweise: „Dem können wir nicht gerecht werden.“ Die nächsten Jahre haben aber gezeigt: Und wie wir dem gerecht wurden! 

Kultur im Wirthaus hatte es ja schon vorher gegeben. Die Motivation? Wir wollten nicht immer in die Stadt fahren, um qualitätsvolle Kultur geboten zu bekommen. Den Anfang machte das Wirtshaus-Spektakel Gutenbrunn 1992. Das war mein erstes Schnuppern am Mitorganisieren, am Menschen-eine-Bühne-Geben. 12 Vorstellungen – Klassik, Jazz, Volksmusik in drei Gutenbrunner Wirtshäusern – sollten mein Leben doch in ganz besondere Bahnen lenken.
Dann kam das zweitägige Seminar der NÖ Volkskultur, „Teufelsgeige und Harmonika“: Da wurde im Wirtshaus musiziert, als ob es kein Morgen mehr geben würde. Selbstverständlich war auch sehr schöne Stubenmusik dabei, aber in Erinnerung blieb vordringlich die Session mit Gummihandschuhen, Löffeln und was sonst noch alles zu finden war. Weil wir die Teufelsgeiger ausgehalten hatten, kamen als Nächstes die Dudelsäcke. Die Bordunmusiktage sollten uns dann 17 Jahre lang begleiten. Was für ein Geschenk, aber auch: was für ein Wahnsinn! Die Musikanten kamen mit vor Freude glasigen Augen an und reisten mit glasigen Augen wieder ab. Es wurde viel gelehrt und auch viel geleert.

1994 wurde der Saal im Gasthaus Juster dann wirklich umgebaut, mit einer schwarzen Decke und Stangen für die Scheinwerfer. „Jetzt san s’ komplett deppat wurn“, stellte ein Einheimischer im vollen Gastzimmer fest. Im selben Jahr wurde auch die Kulturinitiative Weinsbergerwald gegründet, und 1995 ging dann das erste von 10 Folkfestivals mit internationalen Künstlern und Bands am Hanslteich über die Bühne. Nach Ende des Programms am Festivalgelände wurde das Bühnenwirtshaus gestürmt, und die spontanen nächtlichen Sessions haben in der Szene Kultcharakter bekommen.  Bis in die frühen Morgenstunden wurde gefeiert, und nicht nur einmal begegneten sich Nachtschwärmer und Frühstücksgäste.

Eines Tages im Jahr 1996 läutete im Wirtshaus das Telefon und ein gewisser Wilfried meldete sich, und ich, in der Meinung, es handle sich um meinen namensgleichen guten alten Bekannten, plauderte locker drauflos. Als er dann aber von einem „4xang“ zu reden begann und bei uns im Bühnenwirtshaus singen wollte, bekam ich erst mit, wen ich da eigentlich in der Leitung hatte: Wilfried Scheutz, den Star meiner allerersten Musikkassetten. Natürlich machten wir gleich einen Termin aus, und es wurde ein bemerkenswerter Auftritt. Diese Form von Musikkabarett kannte man hier noch nicht, und sogar der ORF kam nach Gutenbrunn. Wilfried hatte in den verschiedensten Besetzungen über 40 Auftritte bei uns. 

Das „Bühnenwirtshaus Juster“ in Gutenbrunn war bald fixer Bestandteil am Tourplan vieler Künstler aus der Musik- und Kleinkunstszene.  Warum? Wir haben uns von Anfang sehr bemüht, den Künstlern Raum und Beständigkeit zu bieten. Gutes Essen, gute, manchmal auch viele Getränke. Die Möglichkeit, dass sie ein kleines Stück „daheim“ sein können. Vernünftige Zimmer. Später auch ein funktionierendes WLAN. Das sind einige der Faktoren, die dazu beitragen, dass Künstler ihr Bestes auf der Bühne geben können. Selbstverständlich war es wichtig, dass die Technik funktionierte, aber wenn die Künstler oder auch die Techniker die eingeschränkten Möglichkeiten unseres Spiel-Raumes selbst sahen, waren sie meistens gern zu Kompromissen bereit oder mussten halt ein wenig improvisieren.

Das Team der Kulturinitiative Weinsbergerwald, meine MitarbeiterInnen, meine Familie und ich haben gemeinsam über 20 Jahre in der kulturellen Nahversorgung im Südlichen Waldviertel unsere Spuren hinterlassen. In Summe haben mehr als 1.300 Vorstellungen bei uns stattgefunden, und die wichtigste Veranstaltung war für mich immer die Nächste.

Jetzt gab es in Niederösterreich schon einige Gastronomiebetriebe, die mit einem Kulturverein gemeinsam ein besonderes Kulturprogramm in ihren Wirtshäusern anboten. Darüber haben Andreas Lebschik und ich bei einem Heurigenbesuch in Dornbach gesprochen und die Idee weitergesponnen: Was wäre, wenn wir eine solche Kooperation im Land NÖ hätten? Etwas Beispielgebendes. – Die Betriebe könnten sich gegenseitig unterstützen, und das Bundesland Niederösterreich seinen Anspruch als Kulturland festigen, etwa nach dem Motto „Zuerst ins Bühnenwirtshaus, dann ins Festspielhaus“ oder „Die Bühnenwirtshäuser  NÖ bieten Kultur ohne Barrieren“.
Andreas Lebschik hat dann gleich Willi Lehner von der Kulturvernetzung NÖ kontaktiert, und  mögliche Anwärter wurden eingeladen. Bis zur offiziellen Eröffnung hat es noch eine Weile gedauert. Viele Sitzungen hat es gebraucht. Bemerkenswert waren unsere Busreisen von Gasthöfen über Bars, Kellergewölbe, Kaffeehäusern zu ganz traditionellen Wirtshäusern. So lernten wir uns gegenseitig und das Angebot der anderen kennen und schätzen.

Ein Bühnenwirt ist in meiner Definition ein Dienstleister im besten Sinne, der sich neben der Gastronomie auch selbst für Kultur begeistert und das Handwerk des Kulturveranstalters versteht.

Ziel in meinem Tun war und ist immer noch, Ideen nicht nur zu haben und darüber zu fantasieren, sondern auch meinen Teil dazu beitragen, dass diese erfolgreich umgesetzt werden können. Ich erinnere mich sehr gut an die Eröffnung  der Bühnenwirtshäuser Niederösterreich am 2. September 2009 im Musikcafé Egon und in der Seedose. Das war wirklich ein rauschendes Fest! Natürlich stimmt es mich traurig, dass mein damaliger Mitmoderator der Eröffnung, Wilfried, im Jahr 2017 verstorben ist.
Unvergessen wird mir auch der 15. Mai 2011 bleiben, an dem die Bühnenwirtshäuser NÖ für das künstlerische Programm des Mariazellerbahn-FESTivals im Pielachtal verantwortlich waren. Mit dem Zug von Ort zu Ort, von Bühne zu Bühne. Global Kryner, Jazz Gitti, Weinzettl & Rudle, Mike Supancic, Roland Neuwirth und die Extremschrammeln  und Willi Resetarits und der Stubnblues sorgten für beste Stimmung in den Bahnhöfen. Es war schon besonders schön zu erleben, mit welcher Sorgfalt und Professionalität die Mitgliedsbetriebe der Bühnenwirtshäuser NÖ im Vorfeld und auch am Veranstaltungstag für den künstlerischen Teil der Veranstaltung ihren Beitrag geleistet haben.

Mit der Erfahrung der Arbeit der letzten Jahrzehnte konnte ich auch sehr strukturiert das „Bühnenwirtshaus Juster“ Ende April 2015 in eine Pause schicken. Sich als Wirt sich eine Auszeit nehmen – unmöglich! Und es ging doch …
Bühnenwirt werde ich in einer Form immer bleiben. Ein Lebenswerk ist für mich damit schon gelungen.

Und jetzt, mit fast 53, bin ich gut in meiner neuen Selbstständigkeit angekommen: „Lebens- und Betriebskultur Dieter Juster“. Ich sehe mich als Projektentwickler und Projektbegleiter, bin Unternehmensberater (und kann auch über geförderte Beratungen der WKO NÖ „gebucht“ werden).  Meine Kunden sind sehr unterschiedlich – Gastronomiebetriebe Vereine, Institutionen, Gemeinden, Kulturveranstalter … Mein Hauptprojekt, an welchem ich die letzten 3 ½ Jahre gearbeitet habe, ist der „Lebensweg“, eine Idee, die in meiner Auszeit immer konkreter wurde – ein 260 km langer, bespielter Weitwanderweg im Südlichen Waldviertel, auf dem jede und jeder ganz individuell ihr/sein eigenes Leben durchwandern kann.

Neue Räume zu  schaffen, mich selbst weiterzuentwickeln, neugierig zu sein und zu bleiben, das sind meine persönlichen Ziele. Wenn jetzt in meiner Selbstständigkeit Zeit bleibt, möchte ich mich vermehrt – wenn es meine Kunden zulassen – mit meinem „ruhenden Bühnenwirtshaus“ beschäftigen. Welche neue Form wird sich ergeben?

Leben & Betriebskultur Dieter Juster
Auf der Stift 85
3665 Gutenbrunn,
www.juster.jetzt

Ich wünsche den Bühnenwirtshäusern NÖ alles, alles Gute zum Jubiläum. Ich wünsche jeder und jedem Einzelnen von euch ganz viel Kraft in eurem Tun. Es ist schon großartig, so vielen Menschen so direkt Freude bereiten zu können.
Ganz herzlichen Dank für euer Engagement. Bis zu eurer „Auszeit“ habt ihr ja jetzt noch 10 Jahre 😉

euer Dieter

Dieter Juster hat mit dem „Lebensweg“ im Südlichen Waldviertel das Nachfolgeprojekt der NÖ Landesausstellung 2017 in Pöggstall konzipiert: 22 Gemeinden in drei Bezirken arbeiten an diesem Gemeinschaftsprojekt, Träger ist der Verein zur Errichtung und Ausbau des Lebenswegs: www.lebensweg.info

Teile des Texts wurden in „Südliches Waldviertel – Vom Leben in der Region und dem Recht der ‚kleinen Leute’“, hg. v.  Kultur.Region.Niederösterreich, veröffentlicht.